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Raucherentwöhnung.
Raucherentwöhnung in der HausarztpraxisSteter Tropfen höhlt den SteinErika Baum, Stefan Keller Sie halten Appelle zum Rauchverzicht für vertane Zeit? Falsch gerade Sie als Hausarzt können viel erreichen vorausgesetzt, Sie gehen die Sache richtig an. Beratung zur Nikotinabstinenz muß auch gar nicht zeitaufwendig sein, um Erfolg zu haben. Hauptsache, Sie holen Ihren Patienten dort ab, wo er steht und bleiben dann am Ball. Denn je nachdem, in welchem Stadium der Veränderungsbereitschaft er sich befindet, bieten sich unterschiedliche Vorgehensweisen an.Keine medikamentöse oder interventionelle Maßnahme ist medizinisch so effektiv wie die Beendigung des Rauchens. Die Mehrzahl der durch Rauchen bedingten Schädigungen ist bei anhaltender Abstinenz reversibel und nach ca. 10 Jahren Tabakabstinenz ist das kardiovaskuläre Risiko wieder vergleichbar mit dem eines Nichtrauchers. Die Gesamtmortalität erreicht aber nur dann das Niveau der konsequenten Nichtraucher, wenn der Nikotinkonsum vor dem 30. Lebensjahr beendet wird. Insofern ist Nikotinkonsum ein abwendbar gefährlicher Verlauf. Auch Passivrauchen ist mit einer deutlich erhöhten Morbidität assoziiert. Selbst wenn Eltern nicht im Aufenthaltsbereich der Kinder rauchen, haben diese erhöhte Cotinin-Spiegel. Nikotingeruch der Kleidung ist somit mehr als nur eine sensorische Belästigung. Raucher in Deutschland
Hausarzt als MotivatorDie Effektivität eines auch noch so engagiert geführten einzelnen Gesprächs gemessen am prompten Rauchstopp ist so gering, daß wir Hausärzte leicht dazu neigen, frustriert zu reagieren und auf konsequente Beratung in diesem Bereich ganz zu verzichten. Andererseits berichten unsere Patienten, daß der hausärztliche Rat, mit dem Rauchen aufzuhören, die wichtigste Motivation für sie darstellt. Frustration und Zynismus auf beiden Seiten lassen sich wesentlich verringern, wenn man sich vor Augen führt, daß jede Verhaltensänderung regelmäßig definierte Stadien durchläuft. Dies ist im transtheoretischen Modell von Prochaska und Rollnick (Tabelle 1) beschrieben und auch in Deutschland für ganz unterschiedliche Verhaltensweisen nachgewiesen worden.Veränderung in Stufen.In der Stufe der Absichtslosigkeit besteht keine Veränderungsabsicht in absehbarer Zeit. Personen in der Stufe der Absichtsbildung erwägen eine Änderung des Risikoverhaltens in der Zukunft (z. B. in sechs Monaten), sind aber noch nicht zum konkreten Beginn einer Verhaltensänderung bereit. In der Stufe der Vorbereitung sind Personen zu einer langfristigen Änderung entschlossen und unternehmen bereits erste Schritte. In der Stufe der Handlung erfolgt die Implementierung des Zielverhaltens (Nichtrauchen). Ist das Zielverhalten stabilisiert, spricht man von der Stufe der Aufrechterhaltung.Rückschritte erlaubt.Das Durchlaufen dieser Stufen ist ein dynamischer Prozeß, d.h. mehrfaches Voran- und Zurückschreiten zwischen den Stufen gehört zum normalen Veränderungsprozeß. Wir sprechen auch von einer Spirale der Verhaltensänderung, weil ein Rückfall nicht zur Basis führt, sondern die bei den bisherigen Veränderungsprozessen gewonnenen Erfahrungen bei dem nächsten Versuch hilfreich sein können.Stadien der Verhaltensänderung (Tabelle 1)
AbsichtslosigkeitFür Patienten in der Stufe der Absichtslosigkeit konzentrieren sich die Beratungsinhalte v. a. auf Informationsangebote (z.B. Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie Ihre jetzigen Beschwerden konkret mit Ihrem Rauchen zusammenhängen könnten?). Wünschenswert ist in dieser Phase, daß Patienten einen positiven Bezug zu einer Veränderung aufbauen (z. B. Ob Sie etwas verändern möchten oder nicht, bleibt Ihre Entscheidung, aber denken Sie doch einfach mal darüber nach, ob es auch Vorteile für Sie haben könnte, nicht mehr zu rauchen.). Der Beratungsstil sollte wenig drängend sein und die Entscheidungsfreiheit des Patienten betonen, da sonst die Gefahr einer Reaktanzreaktion besteht. Andererseits sollte der Hausarzt durchaus auch bestehende Sorgen äußern (Ich mache mir Sorgen, daß Ihr Husten sich weiter verschlechtert, wenn Sie das Rauchen so beibehalten wie bisher).AbsichtsbildungIn dieser Stufe sind Personen ambivalent gegenüber einer Veränderung (Ich müßte eigentlich etwas tun, aber ich bin noch nicht so weit.). Beratungsziel ist es, den Personen ein Abwägen von Vor- und Nachteilen einer Veränderung zu ermöglichen, wobei Lösungswege für mögliche Hindernisse besprochen werden sollten (z. B. Überlegen Sie doch bitte, was für Vor- und Nachteile das Nichtrauchen für Sie hätte. Wie könnte man eine Veränderung leichter machen?). Patienten sollten in dieser Phase auch bereits darüber nachdenken, wie es ihnen mit dem neuen Verhalten ergehen wird (Was denken Sie, wie wird es Ihnen gehen, wenn Sie vier Wochen nicht mehr geraucht haben?).VorbereitungJetzt gilt es, den Patienten beim Definieren realistischer Ziele zu unterstützen und deren Umsetzung konkret zu planen (z. B. Was ist jetzt ein realistischer erster Schritt? Wie/wo/wann/mit wem wollen Sie dies nun genau umsetzen?). Je konkreter diese Planung vorgenommen wird, umso wahrscheinlicher ist ihre Umsetzung! Wichtig in dieser Phase: Der Patient muß Zuversicht in die eigenen Handlungskompetenzen aufbauen (Selbstwirksamkeitserwartungen). Dies kann der Arzt fördern, indem er auch kleinste positive Fortschritte lobt (Verstärken).HandlungIn der Stufe der Handlung sollten Sie unterstützende Strategien anbieten, z. B. Vermeiden von Versuchungssituationen, Aufsuchen von sozialer Unterstützung, (z. B. Was würde es Ihnen leichter machen, das Nichtrauchen umzusetzen? Wer könnte Sie unterstützen?). Kontinuierliches Verstärken bzw. Anerkennen des bisher Geleisteten und ein konstruktiver Umgang mit Ausrutschern/Rückfällen sind hier die wesentlichen Beratungsaufgaben (z. B. Was können Sie aus diesem Ausrutscher lernen? Worauf sollten Sie in Zukunft mehr achten?).AufrechterhaltungAuch in dieser letzten Stufe steht der Umgang mit Rückfällen im Mittelpunkt. Darüber hinaus ist zu reflektieren, was erreicht worden ist (Wenn Sie nun auf die letzten Monate zurückschauen: Was haben Sie bereits für sich erreicht?). Diese Reflexion lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf positive Aspekte, bestätigt ihn und vergrößert seine Selbstwirksamkeit was wiederum ein guter Prädiktor für geringe Rückfallhäufigkeit ist.Es gibt durchaus verschiedene Wege, die gleichermaßen zum Ziel führen können. Wichtig ist in jedem Fall, den Patienten aktiv in den Entscheidungsprozeß einzubinden (shared decision making). Besonders für stark abhängige Raucher hat sich das Einsetzen von Nikotin-Ersatz-Präparaten (Nikotinpflaster, -kaugummi usw.) bewährt. Beratung zu vermehrter körperlicher Aktivität ergibt einen leichten Zusatznutzen. Dagegen werden medikamentös unterstützte Interventionen (z. B. Zyban®) zunehmend kritisch diskutiert: Den nachgewiesenen erhöhten Erfolgsraten stehen erhebliche Risiken gegenüber. Akupunktur, Moclobemid und Anxiolytika erbrachten in kontrollierten Untersuchungen keine verbesserten Abstinenzraten. Mögliche Einstiege für ein Beratungsgespräch bei Rauchern (Tabelle 2)
Strategie der kleinen SchritteNichtraucherberatung muß nicht zwangsläufig viel Zeit in Anspruch nehmen; in den meisten Fällen genügen einige wenige Minuten. Umso wichtiger ist es jedoch, in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit möglichst gezielte Strategien einzusetzen, die den Patienten aktivieren, ihn selbstverantwortlich einbinden und den Prozeß der Veränderung unterstützen.Beratungsziel ist es zunächst immer, den Patienten zu helfen, die nächste Stufe zu erreichen, und nicht notwendigerweise der sofortige Nikotinstop. Es ist unrealistisch, zu erwarten, daß Personen in der Stufe der Absichtslosigkeit nach einem kurzen Gespräch eine langfristig stabile Abstinenz erreichen. Ebenso muß mit Ausrutschern und Rückfällen bei den Patienten gerechnet werden; diese gehören zum Veränderungsprozeß dazu. „Mit dem Rauchen aufzuhören ist ungefähr dreimal so wirksam wie Behandlung mit Betablockern, doppelt so wirksam wie eine Bypass-Op. und mindestens genau-so wirksam wie die gesamte, gegenwärtig zur Verfügung stehende medikamentöse Therapie gegen KHK." Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kolenda auf der 7. Deutschen Nikotinkonferenz Wie abhängig ist Ihr Patient?
Aufhänger findenAls Hausärzte können wir prinzipiell jeglichen Beratungsanlaß auch für eine Gesundheitsberatung mit dem Ziel der Nikotinabstinenz nutzen. Authentisch und überzeugend sind wir immer dann, wenn wir ganz konkret auf individuelle Befunde und Probleme eingehen (Tabelle 2). Die dort aufgeführte Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Jeder einzelne von uns hat hier spezifische Erfahrungen. |